Klaus Roth zur Situation der Landwirtschaft in Schermbeck

Frage von H.Scheffler -schermbeck-online.de-: Schermbeck ist stark landwirtschaftlich geprägt. Die öffentliche Diskussion der letzten Jahre zeigt, dass die Auswirkungen der landwirtschaftlichen Nutzung sehr kontrovers diskutiert werden. Das reicht von der positiven Bedeutung für die Ernährung regionaler Kunden und für die Kulturlandschaftspflege über Schäden an den Wirtschaftswegen, Gestank durch übermäßige Gülleausbringung bis hin zu Beeinträchtigungen des Grundwassers. Befürworter und Gegner interessieren sich sicherlich für Ihre Position innerhalb dieses breiten Meinungsspektrums. Welche Position vertreten Sie? Ich habe lange versucht, Ihnen zum Thema Landwirtschaft konkrete Fragen zu stellen. Es war gar nicht so einfach. Irgendwie wirkten diese Fragen immer voreingenommen seitens des Fragestellers. Da waren Fragen wie: Sind Sie für eine regionale Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte? Sollen Landwirte stärker eine Kulturlandschaftspflege betreiben? Wie stehen Sie zu der gerichtlichen Entscheidung einer Ablehnung des geplanten Uefter Hähnchenmastbetriebes? Teilen Sie die Auffassung vieler Bürger, dass in Schermbeck zu viel Gülle ausgebracht wird?

BfB Bürgermeisterkandidat Klaus Roth

BfB Bürgermeisterkandidat Klaus Roth

Die Landwirtschaft ist der älteste Wirtschaftszweig der Menschheit. Sie umfasst nicht nur Ackerbau und Viehzucht, wie oftmals volkstümlich bezeichnet. Zur Landwirtschaft gehören eine Vielzahl von Produktionsbereichen, wie der Wein-, Hopfen- oder Obstanbau und zahlreiche andere, aber auch der Gartenbau und die Forstwirtschaft. Die Pflanzen- und Tierproduktion dient zu allererst der Nahrungsmittelproduktion.

Die Landwirtschaft nimmt in Schermbeck eine bedeutende Stellung ein. 6.179 ha = 56 % der Gesamtfläche von Schermbeck (11.073 ha) werden landwirtschaftlich genutzt. Außerdem befindet sich mit 3.604 ha = 33 % ein hoher Waldanteil auf dem Gemeindegebiet. Viele auswärtige Besucher kommen am Wochenende nach Schermbeck, wandern durch den Dämmerwald oder die Hohe Mark und stärken sich in den zahlreichen Gaststätten.

Die Landwirtschaft, auch die in der Gemeinde Schermbeck, befindet sich seit einigen Jahrzehnten im Umbruch. Steigende Kosten für Betriebsmittel bei zunehmenden Preisdruck für die Erzeugnisse zwangen viele Landwirte zu der Entscheidung: Wachsen oder Weichen. Verschärfte gesetzliche Auflagen, der globalisierte Markt und insbesondere bei kleineren Betriebseinheiten das Problem, keinen Nachfolger zu finden, haben ihr Übriges getan. Außerdem ist es mein Eindruck, dass die Landwirtschaft in den 70er/80er-Jahren unter anderen durch Constantin Freiherr v. Heereman oder Landwirtschaftsminister Ertl lautstarke Interessenvertreter hatte. Und heute???

Eine Reihe von Betrieben ist auf Direktvermarktung und Bioproduktion übergegangen. Betriebe aus Raesfeld und Schermbeck haben im letzten Jahr unsere Region auf der „Grünen Woche“ in Berlin vertreten und ihre Produkte vorgestellt. Die Direktvermarktung von Produkten der Landwirtschaft werde ich als Bürgermeister unterstützen. Durch den Wegfall von Handelsstufen, wächst die Ertragsmarge. Frische, regionale und saisonale Produkte sind von den Ruhrgebietlern sehr begehrt. Wer schon einmal am Sonntag in Lavesum war, wird dies bestätigen.

In den letzten Jahren hat in der Landwirtschaft die Bedeutung der Energieerzeugung stark zugenommen. Vor allem durch den Bau von Biogasanlagen sowie von Photovoltaik. Die landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland investierten von 2009 bis 2012 rd. 18,2 Milliarden Euro in Erneuerbare-Energien-Anlagen. Inzwischen gelten Landwirte als unverzichtbare Partner der Energiewende. Der Bau von Biogasanlagen hat jedoch zur Folge, dass in den letzten Jahren der Maisanbau stark zugenommen hat. Biogasanlagen sind daher auch kritisch zu sehen. Durch den verstärkten Anbau von Mais gehen wertvolle Ackerflächen für die eigentliche Nahrungsproduktion verloren. Zum anderen werden die Rückstände der Biogasanlagen als Dünger auf die Felder verteilt. Dies kann zu einer weiteren Überdüngung und Belastung des Grundwassers führen. In 2011 wurde in Rüste die erste Biogasanlage gebaut. Nach den damaligen Angaben wird neben anderen Stoffen jährlich 6.100 t Silomais eingesetzt. Die Energiewende wird durch die Ökoumlage gefördert. Schon heute zahlt eine vierköpfige Familie 220 € jährlich nur für die EEG-Umlage. Ende offen. Damit gehört Deutschland zu den Staaten mit den höchsten Strompreisen.

Ein Schermbecker Bio-Landwirt ist jetzt auf die Idee gekommen, eine 2.500 qm große Fläche, unterteilt in Einzelparzellen von 40 oder 80 qm, zu vermieten. Eine, wie ich finde, ganz tolle Idee. Das Saatgut kann bei ihm erworben werden, ein Wasseranschluss zum Feld ist vorhanden. Über diesen Weg erhalten bereits Kinder einen Bezug zur Natur und zur gesunden Ernährung.

Kulturlandschaft ist ein sehr komplexes Gebilde. Sie ist durch die Einflussnahme des Menschen auf seine Umwelt entstanden. Wir alle, nicht nur die Landwirte, sind gefordert, für die nachfolgenden Generationen unsere Kulturlandschaft zu erhalten und weiterzuentwickeln. Unter anderen gehört der Gewässerschutz zu der Kulturlandschaftspflege. Diese Aufgabe haben unter anderen die Wasser- und Bodenverbände übernommen. Ich bin seit 10 Jahren gewählter Vertreter für die Gemeinde Schermbeck im Wasser- und Bodenverband Rhader Bach/Wienbach. Außerdem sind im Verbandsausschuss nach einem Verteilerschlüssel die Gewässeranlieger vertreten. Sie haben ein besonderes Interesse, dass die fließenden Gewässer in einem ordnungsgemäßen Zustand erhalten bleiben.

Ich bin leidenschaftlicher Fahrradfahrer. Zum bisherigen Wahlbezirk Bricht gehörte auch der Bereich Overbeck. Daher bin ich in den letzten 20 Jahren sehr häufig durch diesen Ortsteil aber auch durch Uefte gefahren. Zu keiner Zeit kann ich mich daran erinnern, dass Geruchsbelästigungen von der bestehenden Hähnchenmastanlage an der Overbecker Straße ausgegangen sind. Darüber hinaus handelt es sich hierbei um einen Betrieb im Außenbereich. Das Oberverwaltungsgericht hat eine Erweiterung des Betriebes abgelehnt. Ich habe Bedenken gegen dieses Urteil.

Schwarze Schafe gibt es in jeder Branche. Leider ruinieren oftmals Wenige den Ruf einer ganzen Branche. Ich bin mir sicher, dass der allergrößte Teil der Landwirte im Kreis Wesel und damit auch in Schermbeck sich regelkonform bei der Aufbringung der Gülle auf die Felder verhält. Dies zeigen auch die Messergebnisse, die der Kreis Wesel im Umweltausschuss am 19.03.2014 bekanntgab. An 100 Messstellen wurden Messungen vorgenommen. Bei 51 Messstellen wurde ein gleichbleibender Nitratgehalt in 2013 gegenüber 2011 festgestellt. Bei 32 Messstellen wurde ein geringerer und bei 17 Messstellen ein höherer Nitratgehalt ermittelt. Kritisch betrachte ich es, dass die Gülletransporte aus den Niederlanden in den Kreis Wesel von 2011 = ca. 10.750 t auf ca. 16.500 t im Jahre 2012 gestiegen sind. Die Überwachung der Gülleimporte unterliegt der Landwirtschaftskammer. Erstmals für das Jahr 2013 bis zum 31.03.2014 ist eine Erfassung in einer Datenbank der LWK erforderlich.

Die Gesamtflächen aller Verkehrsanlagen betragen in Schermbeck 937.000 qm. Davon entfallen 529.200 qm = 56 % auf die Wirtschaftswege und 407.800 qm = 44 % auf die Gemeindestraßen. Nach Aussage der Verwaltung befinden sich lediglich 20,4 % der Wirtschaftswege in einem guten Zustand, wogegen bei 42 % ein Unterhaltungsbedarf besteht. 38 % weisen erhebliche Schädigungen auf. Um alle Wirtschaftswege ausreichend zu unterhalten, ermittelte die Verwaltung einen rechnerischen Finanzbedarf von jährlich 420.000 € (529.200 qm x 0,89 €/qm). Es muss die Frage erlaubt sein: Wie konnte es zu einen so großen Sanierungsstau kommen? Wir, die Fraktion „Bürger für Bürger“, haben in unseren Stellungnahmen zu den jeweiligen Haushaltsplänen aufgezeigt, wo Einsparmöglichkeiten gegeben sind. Diese hätten zum Beispiel in die Sanierung unserer Straßen investiert werden können. Glücklicherweise haben wir zuletzt keinen strengen Winter gehabt. Sonst wären die Straßenschäden sicherlich noch größer.

Immerhin werden für das Jahr 2014 250.000 € (25.000 € für Bankette, 20.000 € Unterhaltung durch Bauhof, 10.000 € für Fremdfirmen, 190.000 € Dünnschichtbeläge, 5.000 € Straßengräben) zuzüglich 60.000 € für Restaufträge aus 2013 für die Sanierung zur Verfügung stehen. Im Wirtschaftsplan 2013 wurden ebenfalls 250.000 € eingeplant, wobei 60.000 € erst in 2014 ausgeführt werden. In jedem Jahr wird darum gerungen, welche Wege saniert werden sollen. Hoffen wir, dass wirklich der eingeplante Betrag zur Verausgabung kommt und Sanierungen haushaltstechnisch nicht wieder in andere Jahre verschoben werden.

Mehrfach, zuletzt im März 2013 hat unsere Fraktion „Bürger für Bürger“ den Antrag gestellt, bei der Auswahl der zu sanierenden Wirtschaftswege die Ortslandwirte einzubeziehen. Alle unsere Anträge wurden im Fachausschuss und im Rat abgelehnt. Ich werde als Bürgermeister die Landwirte in die Sanierungspläne der Wirtschaftswege einbeziehen.

Im letzten Jahr hat die CDU-Fraktion die Gründung eines Wirtschaftswege-Zweckverbandes vorgeschlagen. Ziel eines derartigen Verbandes ist es, die Grundstückseigentümer, in diesem Fall die Landwirte, erneute bei der Sanierung der Wirtschaftswege zur Kasse zu bitten. Unsere Fraktion hat dies abgelehnt, weil die Landwirte bereits durch die zu zahlende Grundsteuer an den Sanierungsaufwendungen beteiligt sind.

Als Bürgermeister der Gemeinde Schermbeck würde ich einen runden Tisch einrichten, um diese Fragen mit allen Beteiligten zu diskutieren.

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